Unternehmertest: Hilfe – ich bin gar kein Unternehmertyp!

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Wer ein Unternehmen gründen möchte, wird früher oder später mit der Frage konfrontiert, ob er oder sie überhaupt ein Unternehmertyp ist. Viele Unternehmertests wurden zu diesem Zweck entwickelt. Wir haben mit Prof. Stephanie Birkner von der Universität Oldenburg gesprochen und sie gefragt, was sie als Wissenschaftlerin von diesen Tests hält und ob es so etwas wie eine Unternehmerpersönlichkeit überhaupt gibt. Sie ist die erste Professorin für Female Entrepreneurship in Deutschland und stellt fest: Gründung hat kein Geschlecht. Egal ob Mann oder Frau, wer gründet, braucht vor allem Talent, Ideen und Mut.

SmartBusinessPlan: Hallo Stephanie, wir möchten mit dir heute über Unternehmertests sprechen. Sicher kennst du diese Tests, in denen Fragen gestellt werden wie „Bin ich bereit, meine Freizeit zu opfern und mindestens 60 Stunden die Woche zu arbeiten?“ oder „Habe ich kaufmännische Erfahrung?“ – Was ist deine Einschätzung als Expertin: Kann man mit diesen Tests wirklich feststellen, ob man als Gründer geeignet ist?

Stephanie Birkner: Das Ideal des Unternehmers, das diesen Unternehmertests in der Regel zugrunde liegt, gleicht mehr einer Maschine als einem Menschen. Diese roboterähnlichen, typischerweise männlichen Existenzgründer, die nur Profit und Wachstum anstreben, haben mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Das können wir wissenschaftlich belegen. Vielen Gründenden geht es gar nicht darum, ein möglichst großes und profitables Unternehmen aufzubauen, das sie später der nächsten Generation übergeben können.

SmartBusinessPlan: Worum geht es ihnen dann? Was sind typische Motive für die Selbstständigkeit?

Stephanie Birkner: Da gibt es ganz unterschiedliche Motive. Einige gründen ein Unternehmen, weil sie Geld brauchen, gewissermaßen aus der Not heraus. Das finde ich großartig! Was gibt es Besseres, als wenn sich jemand aufrappelt, um selbstständig seine Existenz zu bestreiten? Auf der anderen Seite haben wir Gründende, die eine bestimmte Geschäftsidee umsetzen wollen. Vielleicht finden alle anderen die Idee erstmal blöd, aber sie sind überzeugt davon und lassen sich nicht beirren. Was sind das für Unternehmertypen? Die „blöden“ Unternehmertypen? Nein, das sind die Innovativen, die Visionäre. Die sind weiter, als der Markt ist, die entwickeln vielleicht erst den Markt, auf dem sie dann erfolgreich sind.

SmartBusinessPlan: Was ist das Ergebnis deiner Forschung zum Thema Unternehmertyp: Gibt es den geborenen Gründer – bzw. den geborenen Nicht-Gründer?

Stephanie Birkner: Über diesen Punkt streiten die Kollegen und Kolleginnen leidenschaftlich: Die einen sagen, alle erfolgreichen Gründenden haben bestimmte angeborene Eigenschaften, zum Beispiel eine ausgeprägte Risikobereitschaft oder einen starken Durchsetzungswillen. Diese Stärken hat man oder man hat sie nicht, und an keiner Uni der Welt kann man die vermittelt bekommen. Die anderen sagen, zum Gründungstyp wird man gemacht, das heißt, man kann lernen, erfolgreich ein Unternehmen aufzubauen und zu führen. In diesem Lager befinden sich natürlich alle Lehrenden und Dozenten für Entrepreneurship. Die könnten schließlich ihren Beruf an den Nagel hängen, wenn sie nicht davon überzeugt wären, dass man unternehmerisches Handeln lernen kann. Ich vertrete hier sogar die Meinung, dass Entrepreneurship zum Pflichtfach in der Schule werden sollte! Was ist wichtiger im Leben zu Lernen, als Dinge selbst in die Hand zu nehmen und für seine Ideen einzustehen.

SmartBusinessPlan: Und auf welcher Seite stehst du?

Stephanie Birkner: Meine These ist: Evolutionsbedingt sind wir alle Unternehmerpersönlichkeiten. Wir alle haben Ideen, haben Ziele und setzen die um. Jeden Tag. Ohne unternehmerisches Denken und Handeln kämen wir ja morgens nicht mal vom Bett bis zur Müslischale. Gleichzeitig gilt auch: Fast alles, was man für eine Gründung braucht, kann man lernen. Da gibt es viele Methoden und Kompetenzen, die man sich aneignen kann.

SmartBusinessPlan: Wenn also jeder ein Unternehmer ist bzw. lernen kann, ein Unternehmer zu sein, wieso scheitern dann immer wieder Gründungen und wieso ist die Zahl der Gründungen nicht viel höher? In Deutschland ist nur einer von zehn Berufstätigen selbständig.

Stephanie Birkner: Jeder kann lernen, Unternehmer/in zu sein, aber nicht jede/r will es lernen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Nichts macht uns mehr Angst als das Neue, das Unbekannte. Die Existenzgründung ist der extremste Selbstfindungstrip, den man sich vorstellen kann, mit unglaublichen Höhen und Tiefen. Das liegt nun mal nicht allen. Ich bin hundertprozentig sicher, dass alle das Potenzial haben, etwas voranzubringen. Aber manche haben es eben noch nicht in sich entdeckt. Die Frage ist: Wie kann man diesen Menschen helfen, den Gründungsgeist in sich zu wecken und ihn rauszulassen?

SmartBusinessPlan: Also gibt es sie gar nicht, die typische Unternehmerpersönlichkeit?

Stephanie Birkner: Nein, die gibt es nicht. Wer sich mit der Gründungsszene auseinandersetzt, wird feststellen, dass die Persönlichkeiten von Gründenden heute unglaublich vielfältig sind – und das ist auch gut und wichtig so! Das heißt aber nicht, dass die Persönlichkeit für die Gründung keine Rolle spielt. Im Gegenteil, sie hat erhebliche Auswirkungen auf die Geschäftsmodellentwicklung. Sie macht den Unterschied. Erst durch die Persönlichkeit der Gründenden, die hinter ihrer Geschäftsidee stehen, wird diese einzigartig, glaubwürdig und überzeugend. Nur dadurch hebt sie sich von anderen ab.

SmartBusinessPlan: Kannst du das genauer erklären?

Stephanie Birkner: Das zentrale Element in der Geschäftsmodellentwicklung ist das Wertversprechen, also das Versprechen gegenüber meinen Kunden, einen besonderen Nutzen aus meinem Angebot zu ziehen. Dieses Versprechen ist eng mit meiner Persönlichkeit verknüpft. Und auch für mich muss das Geschäftsmodell ein Wertversprechen enthalten. Das kann ein sozialer Sinn sein oder eine bestimmte Leidenschaft. Ganz egal, was es ist, dieses Wertversprechen macht das Produkt erst lebendig.

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SmartBusinessPlan: Aber es gibt doch unzählige Tests zum Thema „Bin ich ein Unternehmertyp?“– sind die alle überflüssig und falsch, wenn es diesen Unternehmertyp gar nicht gibt?

Stephanie Birkner: Ich habe 20 dieser Unternehmertests gemacht. Die meisten davon kommen zu dem Ergebnis, ich sei kein Unternehmertyp und sollte lieber die Finger davon lassen, ein paar sagen, dass ich es vielleicht schaffen könnte. Fakt ist: Ich habe bereits erfolgreich gegründet. Sollte man sich diese Tests also sparen? Ich würde sagen, nein.

Photo Stephanie Birkner

Ein Unternehmertest kann, wenn er gut gemacht ist, eine echte Orientierungshilfe sein und uns zeigen, was unsere Stärken sind und wo wir noch Entwicklungsbedarf haben. Die Ergebnisse können aber niemals mehr sein, als eine Momentaufnahme. Ich gebe dazu mal ein Beispiel: Wenn ich gerade mit einem Projekt eine Bauchlandung erlitten habe, werde ich alle Fragen zur Risikobewertung eher vorsichtig beantworten. Wenn mich aber gerade ein Erfolgserlebnis beflügelt, werde ich ganz andere Antworten geben – und ein ganz anderes Ergebnis bekommen.

SmartBusinessPlan: Was rätst du allen, die einen solchen Test gemacht haben und quasi durchgefallen sind? Die also feststellen müssen, dass sie offenbar in das Bild des erfolgreichen Unternehmers gar nicht hineinpassen?

Stephanie Birkner: Zunächst rate ich: Bittet einige Leute aus eurem Umfeld, den Unternehmertest für euch zu machen. Die haben nämlich oft eine ganz andere Einschätzung, einen ganzen anderen Blick auf euch und eure Kompetenzen. Dann macht ihr selbst den Test und vergleicht in Ruhe die Ergebnisse. Bleibt dabei kritisch und traut euch, die Ergebnisse zu hinterfragen. Beispiel Risikobewertung: Gründende müssen meiner Meinung nach keineswegs besonders risikoaffin sein. Sie sollten nicht feige sein, aber auch nicht tollkühn – sondern tapfer! Wenn ihr das alles beachtet, erhaltet ihr ein Bild, das euch Hinweise darauf geben kann, wo ihr noch Weiterbildungsbedarf habt bzw. wo ihr euch Unterstützung suchen solltet.

SmartBusinessPlan: Es kann also durchaus sinnvoll sein, einen Unternehmertest zu machen, bevor man den Schritt in die Selbständigkeit macht?

Stephanie Birkner: Durchaus. So ein Test kann eine große Hilfe sein, um festzustellen, welche Stärken und Schwächen ich habe. Erst wenn ich mir darüber im Klaren bin, kann ich nach Wegen suchen, meine Schwächen auszugleichen. Sollte ich zum Beispiel noch einen bestimmten Kurs belegen? Kann ich einzelne Aufgaben einem Dienstleister überlassen? Oder finde ich vielleicht sogar MitstreiterInnen, die mich mit ihren Stärken optimal ergänzen? Den idealen Unternehmertyp, der alle wünschenswerten Kompetenzen mitbringt, gibt es ohnehin nicht. Für mich macht den oder die ideale/n Gründende/n der Einsatz für die eigene Idee aus.

SmartBusinessPlan: Du sagst, es gibt nicht den einen Gründertyp. Kannst du trotzdem ein paar Gemeinsamkeiten von erfolgreichen Existenzgründern benennen?

Stephanie Birkner: An erster Stelle steht Mut – und wer den nicht hat, muss ihn sich eben zusprechen lassen. Damit meine ich vor allem den Mut, Fehler zu machen – eine Eigenschaft, die hierzulande leider nicht sehr geschätzt wird und nicht weit verbreitet ist. Wenn man etwas noch nie im Leben gemacht hat, woher soll man dann wissen, ob man es kann oder nicht? Also, erste Lektion für Gründende: Ausprobieren. Feststellen, was man kann und was nicht. Und letzteres lernen oder anderen überlassen. Baut euch das passende Team auf, mit dem ihr eure Idee umsetzen könnt.

SmartBusinessPlan: Gibt es noch weitere Merkmale, die erfolgreiche Gründer in deinen Augen auszeichnen?

Stephanie Birkner: Ja, an zweiter Stelle steht der feste Glaube an die eigene Idee und an ihre Umsetzbarkeit. Getreu dem Ausspruch von Walt Disney „Alles was du träumen kannst, kannst du auch machen!“ Und dann kommt drittens noch hinzu, es auch wirklich zu tun. Wie, ist zweitrangig. Dafür gibt es eine Menge Tools und Techniken, die jeder anwenden kann. Hauptsache, man fängt erstmal an.

SmartBusinessPlan: Ist das die Haltung erfolgreicher Gründer, von der du in deinen Untersuchungen sprichst?

Stephanie Birkner: Genau. Erfolgreiche Gründende haben keine bestimmte Unternehmerpersönlichkeit. Sie haben eine Idee, an die sie glauben, und den Mut, sie umzusetzen. Sie lassen sich nicht von Selbstzweifeln aufhalten. Das nenne ich Haltung. Wenn Dinge schief laufen, schrumpelt diese Haltung auch mal zusammen, wie eine Weintraube, die zur Rosine wird. Dann ist sie ganz verkümmert und klein. Aber sie kann auch wieder wachsen, wenn man sie ins Wasser legt. Deshalb ist es wichtig, dass man Gründende regelmäßig „gießt“. Um ihre Haltung zu stärken. Was genau ins „Gründungsgeistwasser“ muss, ist auch von Typ zu Typ unterschiedlich. Manche brauchen Zuspruch, manche einen ordentlichen Anstoß, manche Wissen, manche Strukturen. Klar ist allerdings, dass wir vor allem für die Gründerinnen da draußen noch das richtige „Wasser“ finden müssen. Hier geht uns bislang noch eine ganze Menge unternehmerisches Potenzial verloren.

SmartBusinessPlan: Ein letzter Tipp für Gründungswillige?

Stephanie Birkner: In jedem von euch steckt unternehmerisches Potenzial! Wichtig ist, dass ihr eine Idee habt, an die ihr glaubt und die euch mit Sinn erfüllt.

SmartBusinessPlan: Vielen Dank, Stephanie, für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Über den Autor
Dr. Jan Evers

Gründungsexperte Dr. Jan Evers ist Inhaber der Beratungsgesellschaft evers & jung in Hamburg. Für Ministerien, Banken und Wirtschaftsförderer entwickelt die evers & jung GmbH seit über 15 Jahren Konzepte und Lösungen, die Unternehmern das Gründen und die Selbstständigkeit erleichtern.

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bhp